Leopold Stocker und die Gründung des Verlages

Am 13. April 1917 erhält Leopold Stocker die Konzession zum Betrieb einer Verlagsbuchhandlung in Graz. Wie kam es dazu, dass mitten im Ersten Weltkrieg ein landwirtschaftlicher Verlag gegründet wurde und noch dazu von einem gebürtigen Niederösterreicher in der Steiermark? Am 20. Oktober 1886 als zweiter Sohn auf einem Hof im niederösterreichischen Waldviertel geboren, wurde Leopold Stocker von seinen Eltern und dem örtlichen Pfarrer, der schon früh die Begabung des Knaben erkannt hatte, für das Studium bestimmt.

Nach den ersten Jahren am humanistischen Gymnasium der mittelalterlichen Stadt Krems an der Donau wechselte Leopold Stocker, seinen Anlagen und Neigungen folgend, an die

landwirtschaftliche Mittelschule Kaaden, einem an der Eger gelegenen Städtchen im damals österreichischen Böhmen, wo er Jahre später auch seine sudetendeutsche Frau Marianne kennenlernte. Es war nur folgerichtig, dass der Student Stocker die höchsten Stufen der damaligen Ausbildungsmöglichkeiten an den landwirtschaftlichen Hochschulen von Leipzig und Jena anstrebte und den Titel eines Diplomlandwirts und Agrikulturchemikers erwarb.

Nach einigen Jahren als Adjunkt auf den Fürst Lobkowitz’schen Gütern in Böhmen fasste er bei den Thomasphosphatwerken in Berlin Fuß und wirkte dann als wissenschaftlicher Berater in den österreichischen Alpenländern, weshalb er sich auch in Graz niederließ.

Die Zeit der ersten praktischen Bewährung endete mit den Waffengängen des Ersten Weltkrieges.

Die theoretische und praktische Ausbildung Leopold Stockers brachten ihm nach seinem Dienst im grauen Rock die Freistellung vom Militär, da er in das k. u. k. Landwirtschaftsinspektorat der Steiermärkischen Landesregierung berufen wurde, um bei den Bemühungen zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion als Fachmann mitzuwirken.

Spätestens damals nahmen die schon lange gehegten Pläne zur Gründung eines landwirtschaftlichen Fachverlages konkrete Gestalt an, der die künftige Leistungsfähigkeit des Bauernstandes sowie dessen fachliche Schulung und Beratung maßgebend und richtungsweisend unterstützen sollte.

Eine unschätzbare Hilfe bei der Verwirklichung seiner Bestrebungen war die lebhafte Anteilnahme des greisen Dichters Peter Rosegger. In etlichen Besuchen und ausführlichen Gesprächen floss viel von der Lebenserfahrung dieses großen steirischen Poeten – selbst Sohn einfacher Bauersleute – in das erst keimende Projekt ein; vor allem in der Konzeption der Zeitschrift „Der fortschrittliche Landwirt“ wirkt sein Geist bis heute weiter. Ein Fachblatt speziell für den bäuerlichen Familienbetrieb gab es zu jener Zeit noch nicht. Die wenigen existierenden landwirtschaftlichen Publikationen richteten sich an studierte Agrarier, während die meisten Bauern, die damals nur eine einfache Volkschulbildung besaßen, mit ihnen nichts anfangen konnten. Andere

Fortbildungsmöglichkeiten existierten damals ebenso wenig wie ein geregeltes landwirtschaftliches Schulwesen. „Die Grüne“ – wie das Blatt seit damals auch heißt – war somit die erste gesamtösterreichische Fachzeitschrift, welche in der fachlichen Unterrichtung und Weiterbildung des Bauernstandes, in der Hebung und Pflege seiner Kultur sowie in der Vertretung und Förderung seiner Interessen ihre Aufgabe fand.

Noch während des Ersten Weltkrieges, am 13. April 1917, genehmigte der Grazer Stadtrat das Ansuchen Leopold Stockers zur Eröffnung einer Verlagsbuchhandlung.

Nicht nur verlegerisch, auch politisch war Leopold Stocker für die Bauernschaft tätig. So spielte er bei der Gründung des „Landbundes“, der von 1927 bis 1933 mit den Christlich-Sozialen eine Koalition bilden sollte, eine herausragende Rolle. Für dessen Vorläufer, den „Steirischen Bauernbund“, saß er bereits in der verfassungsgebenden Nationalversammlung der jungen Republik; später war er auch als Abgeordneter zum Nationalrat und zum Bundesrat tätig.

Seit Ende der zwanziger Jahre aber übte Leopold Stocker keine politische Funktion mehr aus, da der wachsende Verlag und die damit verbundenen Aufgaben ihr Recht forderten. Andere Fachzeitschriften, landwirtschaftliche Fachbücher, Schriften zu Fragen der Zeit und ein belletristisches Programm, das, der Ausrichtung des Verlages entsprechend, vor allem von Bauernromanen geprägt war, hatten das Tätigkeitsfeld des Verlages stetig ausgeweitet.

Die letzten Lebensjahre Leopold Stockers waren aber von schweren Schlägen gekennzeichnet. Der einzige Sohn, Dr. Wolfgang Stocker, blieb 1944 im Feld. Das Kriegsende brachte auch der Steiermark einige Monate sowjetischer Besatzung, in denen durch Plünderung und Zerstörung fast die gesamte Einrichtung von Verlags- und Privathaus, darunter wichtige Unterlagen, verloren ging. Eine verlegerische Arbeit konnte in jener Zeit nicht mehr stattfinden.

In eine schwere Krise führte der – 1946 wohl verfrühte – Versuch, durch Gründung der „Verfassungstreuen Vereinigung“ dem damals heimatlosen „Dritten Lager“ und den vor allem in der Steiermark und Kärnten sehr starken ehemaligen Landbündlern ein demokratisches politisches Forum zu schaffen. Damit stand Stocker mit einem Mal im Zentrum der innenpolitischen Intrigen der Zweiten Republik. Von den einen – vor allem Bundespräsident Renner – aus wohl vor allem taktischen Überlegungen unterstützt, von den anderen aus denselben Gründen, verbunden mit der Hoffnung auf eine Übernahme des Verlages, mit allen Mitteln bekämpft.

Der Versuch einer Parteigründung endete mit einer Untersuchungshaft aufgrund verleumderischer Verdächtigungen, bis diese als völlig haltlos entlarvt wurden und er gänzlich rehabilitiert nach Hause gehen konnte. Nähere Informationen über die politische Tätigkeit des Verlegers sind über den Navigationspunkt „Verlagsgeschichte in Bildern I“ zu finden.

Auch heute noch ist der landwirtschaftliche Fachbereich mit seinen Büchern und Zeitschriften Herz und Seele des Verlages. Die Fachzeitschrift LANDWIRT ist mit über 50.000 Abonnenten das führende landwirtschaftliche Fachblatt im österreichischen und süddeutschen Raum.